Die Entstehung von Waldsolms

Der folgende Text ist ein Vortrag, der von Wolfgang Radermacher im Rahmen der Feierlichkeiten gehalten wurde.

Als einer der Frauen und Männer, die von Anfang an dabei waren, habe ich meine Erinnerungen von vor 25 Jahren aufgeschrieben und möchte Sie Ihnen in meinem Vortrag mitteilen.
An Sylvester 1971 feierten der Weiperfelder Gemeindevorstand und die Gemeindevertreter mit ihren Bürgern im Dorfgemeinschaftshaus das Ende der Selbständigkeit und den Eintritt in die Großgemeinde Waldsolms. Finanziell konnte die Gemeinde Weiperfelden es sich ja leisten, denn sie kam fast schuldenfrei in die Großgemeinde.
Es war aber ein langer und beschwerlicher Weg bis zum 1. Januar 1972. Es war nicht gerade die große Liebe zu Brandoberndorf, die die Vertreter der fünf Dörfer dazu bewog, Brandoberndorf schließlich doch als Mittelpunkt anzuerkennen, es war einfach und schlicht gesagt „der gesunde Menschenverstand“.
Wie schrieb doch der bekannte Rektor und Schulrat Wilhelm Maurer in seinem Brandoberndorfer Heimatbuch: „Die Einstellung unserer Nachbargemeinden zur Brandoberndorfer Überheblichkeit hat den altehrwürdigen, geschichtsschweren Namen gekostet. Es heißt jetzt ‚Waldsolms‘. Aber auch die anderen Dörfer mussten ihren Namen opfern.“
Die Gemeindegremien aus Brandoberndorf – an der Spitze Bürgermeister Sorg – bemühten sich ab 1970 intensiv um das Zustandekommen einer Großgemeinde mit Brandoberndorf als Mittelpunkt. Als die Dörfer, die in die Großgemeinde aufgenommen werden sollten, waren am Anfang Griedelbach, Hasselborn, Kraftsolms, Kröffelbach, Weiperfelden, Espa, Oberquembach und Cleeberg im Gespräch und auch um Bodenrod wurde sich bemüht. Die Ausschüsse, die zu den Gesprächen eingeladen wurden, waren Gemeindevertreter und Vorstände aus den einzelnen Ortschaften.
Ich möchte jetzt nicht jede Sitzung, an der wir teilnahmen, analysieren, aber es wurden manchmal heiße Diskussionen geführt. So bei einer Sitzung in Brandoberndorf: Dort sagte Herr Ebert aus Oberquembach (es ging um das Verhalten der Gemeindevertretung): „Es kann mir keiner verbieten Kirchturmpolitik zu treiben!“ Daraufhin bezeichnete ihn August Heil als einen „Elefanten im Porzellanladen“.
Der Gipfel war eigentlich die Informationssitzung am 16. Dezember 1970 im Cleeberger Schloß. Eingeladen und teilgenommen haben damals die Vertretungen aus Bodenrod, Espa, Weiperfelden, Brandoberdorf, Griedelbach, Kraftsolms, Kröffelbach, Hasselborn und Oberquembach. Doch obwohl eingeladen und auch zugesagt wurde, war von Cleeberg als einziger der damalige Bürgermeister, Herr Lemp, erschienen, die Vertreter aus Cleeberg ignorierten diese Sitzung ansonsten völlig.
Als sich die Gebietsreform 1971 ihrem Höhepunkt näherte, zogen sich Espa, Bodenrod, Oberquembach und Cleeberg zurück. Von den übrig gebliebenen Dörfern hatte Brandoberndorf außer von Griedelbach (diese beiden Ortschaften hatten schon eine gemeinsame Kläranlage) noch keine Zusage.
Kraftsolms wurde auch von der Stadt Braunfels umworben. Zusammen mit Kröffelbach gehörten beide Dörfer dem Forstverband Braunfels an. Außerdem gehörten die beiden Ortschaften noch dem Gemeindekassenverband Schwalbach an. Schon früher hatten beide Dörfer zu Schöffengrund gehört. Auch Schwalbach (zu diesem Ort hatten beide Dörfer gute Verbindungen) streckte seine Fühler aus. Schließlich waren sie ja zusammen die „Altpreußen“, während Brandoberndorf, Hasselborn und Weiperfelden die „Musspreußen“ waren, sie kamen erst 1866 zu Preußen. Schließlich wurden in Kröffelbach sogar Stimmen laut, wenn Weiperfelden und Hasselborn nicht mitmachen würden, dann müsste Kröffelbach Mittelpunkt werden. Es war auch so. Grävenwiesbach bemühte sich intensiv um Hasselborn, diese beiden Dörfer bildeten zusammen die evangelische Kirchengemeinde und auch sonst waren die Beziehungen zu Grävenwiesbach gut.
In Weiperfelden beschloss am 29. Dezember 1970 der Gemeinderat im Einvernehmen mit der Bürgerschaft vorläufig selbständig zu bleiben. Aber dabei blieb es nicht. Die Stadt Butzbach zeigte Interesse, denn schließlich gehörte Weiperfelden bis zum Jahre 1803 zum Amt Butzbach. Eingeladen wurde Weiperfelden auch von Philippseck und schließlich, man kann es kaum glauben, kurz vor dem Benennungstermin, am 20. Oktober 1971, bekam Weiperfelden ein Angebot zur Großgemeinde Cleeberg. Dazu sollten die „Heckendörfer“ (so nennt man uns in Hüttenberg), Bodenrod, Espa, Weiperfelden mit Cleeberg als Mittelpunkt und dazu noch Oberkleen, gehören.
Jetzt musste Brandoberndorf Farbe bekennen. Versprochen wurde unter anderem, dass die ehrenamtlichen Bürgermeister der kleinen Ortschaften von der Großgemeinde übernommen werden sollten. In Kraftsolms sollte ein Sportzentrum hinkommen, mit einem neuen Sportplatz und einer Turnhalle. In allen Ortsteilen sollten Neubaugebiete entstehen. Industriegebiete sollten nur in Brandoberndorf angesiedelt werden.
Mit der Einrichtung von Ortsbeiräten in jedem Ortsteil sollte ein Teil der Selbstständigkeit erhalten bleiben. Bürgermeister Sorg, ein echter Brandoberndorfer, bodenständig und ehrlich, gab sich große Mühe. Er musste manche Enttäuschung einstecken. Mit seinen Vertretern kämpfte er für sein Dorf, dass größte im oberen Solmsbachtal, damit Brandoberndorf Mittelpunkt werden sollte. Am 20. Oktober 1971 wurde der Grenzänderungsvertrag unterzeichnet – es war geschafft. Mit Brandoberndorf als Mittelpunkt, dazu die Ortschaften Griedelbach, Hasselborn, Kraftsolms, Kröffelbach und Weiperfelden.
Weiperfelden sagte als letztes Dorf zu. Bei einer Sitzung am 2. Oktober 1971 entschied sich die Gemeindevertretung mit einer knappen Mehrheit für Brandoberndorf gegen Cleeberg. Diese kleine Fusion mit Cleeberg wäre sowieso noch genehmigt worden. Je drei Staatsbeauftragte wurden aus jeder der sechs Ortschaften für die Übergangszeit vom 1. Januar 1972 bis zu den Kommunalwahlen am 22. Oktober 1972 bestimmt.
Der Name „Waldsolms“ wurde von der damaligen Gemeindeangestellten, Toni Fischer, vorgeschlagen. Auf diesen Namen hatte man sich bei Fusionsgesprächen am 7. Juli 1971 geeinigt. Es waren aber auch noch andere Namen im Gespräch. Zum Beispiel „Solms“, aber aus Rücksicht auf das heutige Solms wurde darauf verzichtet. Außerdem fielen in der Diskussion noch die Namen „Obersolms“ und „Brandsolms“.
Zum Schluss möchte ich noch über ein Gespräch mit Bürgermeister Sorg berichten. Ich wollte Wahlunterlagen für die Kommunalwahlen am 22. Oktober 1972 holen. Das Gemeindebüro hatte er noch in seinem Haus. 1972 stellten die FWG und die SLW je eine Liste. „Was wollt Ihr denn mit noch einer Liste?“ fragte er. Meine Antwort war: „Zwei Listen sind besser, es muss auch eine Opposition geben“. Darauf meinte er: „So etwas brauchen wir hier nicht, das hat es bei uns noch nie gegeben.“ Ich hatte damals noch große Mühe, dass ich meine Unterlagen bekam.