von Rolf Bangel

An der Südseite der uralten, 1397 erstmals urkundlich erwähnten Kröffelbacher Wehrkirche, liegt zwischen der 1708 erbauten Kirchhofsmauer und dem Teil der Denkmalstraße, der „Säugass“ genannt wird, weil dort der Schweinehirte seine Herde vor dem Austrieb versammelte, ein kleiner, dreieckiger Platz, der von den alten Dorfbewohnern als „Lindenberg“ („Lennebäjg„) bezeichnet wird.

Dort stand die alte, mächtige Dorflinde, die vor genau 100 Jahren, im Winter 1901/02 gefällt wurde. Sie diente auch als Gerichtsstätte, denn beim fällen entdeckte man in ihrem Stamm eine Kette, an der früher das Halseisen hing. Hier war also der Pranger, an dem die straffällig gewordenen Kröffelbacher für kleinere Vergehen büßen mussten, während Haftstrafen im Verließ des Braunfelser Schlosses und eventuelle Hinrichtungen in der Gemarkung Oberquembach, auf dem Flurstück, das heute noch „Der Galgen“ heißt, vollzogen wurden.

Das Alter der Linde wurde beim Fällen auf über 800 Jahre geschätzt und ergibt somit einen Hinweis auf das Alter der  Kirche, die vermutlich um das Jahr 1100 durch ihre Anwesenheit den Ausschlag für das Anpflanzen des Baumes an dieser Stelle gab.

Lehrer Johannes Bückner, dessen heute von seinem Urenkel und Verfasser dieses Berichts bewohntes Gehöft, den Lindenberg nach Osten hin abschließt, hat als Zeitzeuge in der Kröffelbacher Dorfchronik der Linde einen würdigen Nachruf gewidmet:

Im Winter 1901/02 ist im hiesigen Orte eine Urahne den Weg alles Irdischen gegangen. Es ist dies die alte Dorflinde, welch früher die Zierde des Dorfes, den Fremden, welche der Weg an ihr vorbeiführte, ein Staunen erregender Ehrfurcht gebietender Baum und der Dorfjugend ein häufiger Sammelpunkt gewesen ist, um hier ihre Spiele zu vollführen. Von einem erhabenen Platze an der Nordseite des Dorfes, welcher nach ihr „Der Lindenberg“ genannt wird und seit ca. 30 Jahren als Turnplatz dient, hat sie die Häuser des Dorfes und ihre Bewohner von Geschlecht zu Geschlecht überschaut. Einige Schritte nach Norden steht die vielleicht ebenso alte Kirche, ganz nach Westen die Schule und etwas weiter nach Osten abseits das Pfarrhaus inmitten schön gelegener Gärten. Über das Alter der Linde weiß man nichts, wird jedoch nicht fehlgreifen, wenn man dasselbe auf über 800 Jahre schätzt.
Die Linde hat, wie Rückerts hohle Weide, „In alten Tagen so manchem Sturm getrutzet; ist auch wieder ausgeschlagen, obwohl man sie gestutzet; ihr hohler Stamm hatte sich in getrennte Glieder zerklüftet“. Die Stämmchen haben wieder kräftig gewachsen; ihre Zweige und Blätter boten den hier spielenden Kindern im heißen Sonnenschein erquickenden Schatten und bei Regenwetter ein schützendes Dach; in den duftenden Blüten fanden die fleißigen Bienen ihre edle Honigspeise.
In den letzten Jahren war ein Teil des Stammes abgestorben; der noch stehende Teil hätte wohl in pietätvoller Weise geschützt und so noch einige Jahre erhalten werden können; doch hat man es auch für besser gehalten, ihn ganz zu beseitigen, damit er nicht etwa der sich hierunter tummelnden Kinderschar verhängnisvoll werde. Wie eine alte Groß- oder Urgroßmutter ihren Enkeln zuweilen ein schnurriges Märchen aus alten Zeiten erzählt, so war auch dieser Urahne ein stummer Erzähler aus ihrer früheren Zeit. Es war nämlich in ihrem Stamm, welcher 5 Meter im Umfang hatte, eine Kette eingerammt, an welcher früher das sogenannte Halseisen gehangen hat. Zu welchem Zwecke dasselbe in alten Zeiten wohl gedient haben mag, lässt sich aus dem Namen vermuten.
Die alte Linde ist nun nicht mehr, ihr Platz ist leer. Der Turnplatz ist durch ihr Entfernen freier geworden. Die jetzige Generation wird sie wohl kaum vergessen; nur durch das unaufhaltsame Weitergehen des Zeitenwandels wird sie bei der nachfolgenden Generation erst gänzlich ins Meer der Vergangenheit sinken.

Der Lindenberg hatte nach dem Fällen seiner Namensgeberin eine wechselvolle Geschichte. 1911, aus Anlass der Gründung des Kriegervereins durch die Veteranen des Krieges 1870/71, wurde eine neue Linde gepflanzt. Als 1922 die neue Schule gebaut wurde, hatte der Ort als Pausenhof und Turnplatz ausgedient. 1924 musste die neue Linde einem Denkmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges weichen. Der Text der Einweihungsrede vom 5.10.1924, von Vorsteher Wilhelm Bangel VIII gehalten, ist noch vorhanden. Der Platz vor dem Denkmal diente in der Nazizeit den Aufmärschen von SA, Hitlerjugend und BDM und das Denkmal als Kulisse bei Parteikundgebungen.

1963 wurde, das um die Namen der Gefallenen des 2. Weltkriegs erweiterte Denkmal, auf den 1926 stillgelegten alten Kirchhof umgesetzt und ein heute nach der Schließung der Baufirma Schmidt u. Hartmann kaum mehr genutzter Parkplatz an der Südseite des Platzes errichtet, der jetzt eher ein tristes Bild bietet. Sinnentstellend verdecken drei Säulenzypressen, die als Hintergrund für das Denkmal gedacht waren, den Blick auf die Kirche und einige Büsche fristen ein eher trauriges Dasein. Es wäre wünschenswert, wenn dieser in der Dorfmitte gelegene Platz eine Gestaltung erhalten würde, die seiner historischen Bedeutung zukommt.