Die Gastwirtschaft „Zum grünen Baum“ ist die älteste in Brandoberndorf, sie ist schon in der Mitte des 18. Jahrhunderts, etwa 1770 dokumentiert. Schon die Eltern des Peter Bauer, geb. am 31. Januar 1779, waren sehr wohlhabende Land- und Gastwirte. Aus den noch vorhandenen Steigbriefen geht hervor, dass er immer wieder Ackerland und Wiesen hinzugekauft hat um seinen Besitz zu vergrößern.

Gaststätte „Zum grünen Baum“ um 1950

Johann Peter Bauer heiratete am 20. Oktober 1800 in erster Ehe Elisabeth Schmidt, geb. am 26. Dezember 1773. Diese Ehe blieb kinderlos; Elisabeth verstarb am 31. 12 .1824. Danach ehelichte er am 14. April 1825 die Tochter aus dem Nachbarhaus, Anna Katharina Fischer, geb. am 24. April 1800. Doch nach zweijähriger wieder kinderloser Ehe verstarb Peter Bauer am 05. November 1827. Anna Katharina war jetzt eine gutbetuchte Witwe. Dennoch hat sie sich mit einer zweiten Heirat Zeit gelassen.
Im Jahr 1819 kam Carl Benedikt Ringelstein als Förster nach Brandoberndorf. Seine Eltern Andreas und Anna Marie Ringelstein lebten in Frauenstein bei Wiesbaden; die Mutter war katholisch. Carl Benedikt wurde als einziger Sohn am 20. August 1788 in Normanwilles im Elsass geboren, dem damaligen Wohnsitz der Eltern. Zu dieser Zeit war der Vater dort Förster und so wurde der Sohn ebenfalls Förster.
Von 1820 bis 1853 sind die mit akribischer Genauigkeit von ihm geführten „Diarium“ Tagebücher zu einem großen Teil erhalten. Förster Ringelstein hat jeden Tag und jede Nacht schriftlich festgehalten, ob er im Wald, einem großen Revier, seiner Arbeit nachging, sonstige Amtsgeschäfte erledigte oder zu Hause war. Carl Benedikt kam als lediger Mann nach Brandoberndorf, ließ sich aber viel Zeit um eine passende Frau zu suchen.  Es wird erzählt, dass die Förster früher gerne nach einer vermögenden Braut Ausschau hielten.
1833 hatte er sie in der verwitweten Gastwirtin Anna Katharina Bauer gefunden. Es ist anzunehmen, dass der jungen Witwe der gut aussehende Forstmann gefiel und sie sich beide zur Heirat entschlossen.
Die Probleme blieben nicht aus. Der Bräutigam war katholisch, die Braut evangelisch. Nach damaligem Kirchenrecht war es nicht leicht, eine Mischehe zu schließen. Die standesamtliche Trauung gibt es erst seit 1874. Nach vielem Für und Wider wurde dem Paar die Ehe zugestanden, doch es mussten zwei Trauungen erfolgen. Die evangelische Vermählung fand am 26. Mai 1835 in der Kirche zu Brandoberndorf statt. Die Katholische zwei Tage später am 28. Mai 1835 in Niedermörlen. Die Kopien der beiden Protokolle über die Rechtmäßigkeit der Eheschließung  sind nachstehend beigefügt.
Was muss dies alles für ein Aufwand gewesen sein. Nach Niedermörlen konnte man damals nur zu Fuß oder mit einem Pferdefuhrwerk kommen. Dies war auf den holprigen Wegen mit dem Pferdewagen bestimmt kein Vergnügen. Die jungen Eheleuten waren nach all den Strapazen und Auf-regungen sicher froh und glücklich als sie wieder zu Hause waren. Insgesamt acht Kinder wurden dem Ehepaar  geboren. Förster Ringelstein hat alle Geburts- und Sterbedaten in seinen Tagebüchern vermerkt.
Die Kinder wurden teils tot geboren, verstarben bei der Geburt, lebten einige Tage oder auch ein bis zwei Jahre. Eine Tochter, Anna Marie Katharina, geboren am 28.07.1839 wurde erwachsen. Ob es sich bei der hohen Kindersterblichkeit um die Unverträglichkeit verschiedener Blutgruppen oder eine andere Krankheit gehandelt hat, kann heute niemand mehr sagen.
Viel Traurigkeit hat das Kindersterben für Anna Katharina und Carl Benedikt gebracht. Heute können wir uns das kaum noch vorstellen, doch der Glaube und die Zuversicht auf Gottes Hilfe war in den Menschen vor fast 200 Jahren fest verwurzelt.
Im Jahr 1842 gab es für die Familie Ringelstein ein positives Ereignis zu berichten. Es gab eine Aufbesserung seiner Bezüge! Pro Morgen (2500 qm) gab es einen Kreuzer im Jahr mehr. Der Wert eines Kreuzers ist heute nicht mehr abzuschätzen. Wie viele Morgen das Revier des Förster Ringelstein umfasste können wir heute auch nicht mehr sagen; es hatte jedoch eine große Ausdehnung und ging weit über die Gemarkungsgrenze von Brandoberndorf  hinaus. Vielleicht hat
es sich gelohnt. Nachstehend das Decret über die Besoldungszulage:

Nota 232
per
  21. Februar 1842 Des durchlauchtigsten Fürsten und Herren           Herrn Adolf  Herzog zu Nassau

 

Wir zu Höchstderer Landesregierung verordnete Präsident Direktoren Geheime
=Geheime= Regierungs Regierungsoberforst Räthe und Assessoren

beurkunden, dass Wir dem Förster Ringelstein zu Brandoberndorf eine Besoldungszulage von jährlich einem Kreuzer per Morgen der zu seinem Revier gehörenden Gemeindewaldungen daselbst vom 1. April dieses Jahres an bewilligt haben und erteilen daselben darüber zu seiner Legimitation gegenwärtiges Decret. .
Urkundlich gewöhnliche Unterschrift und das Beigedruckte Regierungssiegel.

Wiesbaden, 10. Ferbruar 1842

An Herzogliches Oberforstamt Weilburg                             An Herzogliche Herren
Zur Nachricht und Abgabe                                                   Oberförster Rau zu Cleeberg

                                                Dem H: Förster Ringelstein

                                               Abgegeben  25. 2. 1842

Die schon erwähnte einzige erwachsene Tochter Anna Marie Katharina heiratete am 14. Februar 1860 Johannes Emrich geb. am 6. Oktober 1834. Die Eheleute bekamen zwei Töchter und einen Sohn. Eine Tochter heiratete in das Haus Eisenhuth, die andere in Harterts. Der Dorfname „Hoatets Nannche“ war bis vor einigen Jahrzehnten erhalten.

Der Sohn Karl Emrich heiratete Luise Stahl, in späteren Jahren als „Ringelstoas Luwiss“ bekannt.

Luise Stahl

Karl Emrich mit Frau Luise und den Töchter Auguste und Lina

Ehepaar Albert und Lina Schmidt geb. Emrich

Auch deren beide Töchter haben die Leute Ringelsteins Auguste und Ringelsteins Lina genannt. Auguste heiratete nach Frankfurt am Main einen Mann mit Namen Willi Weber, Lina blieb bodenständig, sie ehelichte den Brandoberndorfer Albert Schmidt. Beide betrieben weiter die Gaststätte sowie die Landwirtschaft, handelten mit Kohlen und führten noch einen kleinen Kolonialwarenladen. Die Balkenwaage des Geschäfts wurde bis heute als Andenken aufbewahrt. Dies zeigt, dass der Erwerbssinn in der Familie immer stark ausgeprägt war.

Ihr Sohn Werner wurde am 18. April 1920 , die Tochter Anneliese am 6. November 1922 geboren. Genau wie ihre Vorfahren so haben auch die Geschwister den Dorfnamen Ringelstein „geerbt“.

Werner und Anneliese Schmidt

Die Gastwirtschaft „Zum grünen Baum“ scherzhaft manchmal auch mit der Umkehrung „Zum dürren Ast“ bezeichnet war zu allen Zeiten ein beliebter Treffpunkt für Jung und Alt. Von Erzählungen unserer Eltern wissen wir, dass sich die Honoratioren  Forstmeister Herr, Dr. Rösner, Apotheker Rausch, die Lehrer des Dorfes und andere hier zum Schachspiel, Skat und sonstiger Geselligkeit verabredet haben. Forstmeister Herr hat sogar versucht, uns das Schachspielen beizubringen.

Wilhelm Pauli kam in den Jahren 1923/24 als Helfer für Haus, Hof und Landwirtschaft in das Haus Ringelstein. Der Hausherr Albert Schmidt verstarb schon in jungen Jahren im Jahr 1930. Die Witwe Lina wird froh gewesen sein, einen fleißigen, rechtschaffenen Menschen wie Wilhelm Pauli im Hause zu haben. Der damals zehnjährige Werner wurde von ihm in den folgenden Jahren mit allen landwirtschaftlichen Arbeiten nach und nach vertraut gemacht. Werner und Anneliese redeten ihn mit „Pauli Pätter“ an. Mit diesem Namen ging er auch in die Dorfgeschichte ein. Bis zu seinem Tod im Jahr 1955 war er der Familie Schmidt-Ringelstein treu verbunden.

Der „Pauli Pätter“ vorn rechts auf dem Kuhwagen

In der Wirtsstube stand in der Mitte ein mächtiger ovaler alter Eichentisch.
Die Stammgäste ob Männer oder Frauen setzten sich reihum wie sie herein gekommen waren. Jedem wurde Platz gemacht, ganz egal ob Einheimischer oder Fremder. Es passte immer noch ein Stuhl in die Runde, bis zu zwanzig Personen waren oft um den Tisch versammelt.
Über der Tür zu dem kleinen Nebenzimmer war ein Wandbrett mit alten Zinnkrügen, Zinnbechern und anderem Zinngeschirr wie tiefe und flache Teller. Es ist anzunehmen, dass das Zinngeschirr noch aus dem Haushalt von Katharina Ringelstein stammt. In den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts wurde kein Zinngeschirr mehr zum Essen und Trinken verwendet.
Dann kam 1939 der 2. Weltkrieg. Werner musste wie alle anderen jungen Männer zum Militär einrücken.
Zu Beginn des Krieges – 1940/41 – ging es im „Grünen Baum“ oft hoch her. Durch das geplante Hauptquartier von Hermann Göring in Hasselborn waren dort sowie in Brandoberndorf viele Soldaten verschiedenster Coleur anwesend. Das Hermann-Göring-Regiment, Bodentruppen der Luftwaffe, Flak und Polizei waren in Baracken, Zelten und bei Bewohnern der Orte einquartiert.
Lina Schmidt hielt mit Tochter Anneliese den „Grünen Baum“ offen, das „Deutsche Haus“ und die Wirtschaft „Zum Schwanen“ waren wegen des Einzugs der Männer zum Militär geschlossen.

Die Tischrunde bei „Ringelstoas“

Wie überall, so auch hier, suchten die Soldaten in ihrer Freizeit Geselligkeit. Dazu gehörten natürlich auch ein Bier zu trinken, Mädchen kennen zu lernen, zu tanzen und zu flirten. Lina Schmidt war den Soldaten eine gute Wirtin, hatte sie doch immer ein offenes Ohr für ihre Fragen und Nöte. Viele kleine Feste  wurden im „Grünen Baum“ gefeiert. Dabei haben einige Mädchen den Mann fürs Leben gefunden.

Werner auf Heimaturlaub

…vor dem „Grünen Baum“ Mädchen mit Soldaten

In der NS-Zeit gab es den Tag der Wehrmacht, der in ganz Deutschland mit Gulaschkanone und Erbsensuppe groß gefeiert wurde. Die Einwohner der Städte und Dörfer trafen sich in den Gastwirtschaften zum Eintopfessen, so auch im „Grünen Baum“.

Soldaten und Bevölkerung nach dem „Eintopfessen“

Werner Schmidt kehrte aus dem Krieg gesund zurück. Er kümmerte sich nun um die Landwirtschaft und der Mutter und Schwester Anneliese half er, besonders abends, in der Gastwirtschaft. Er entwickelte sich mit der Zeit immer mehr zu einem „Original“. Manche Anekdote wird von ihm erzählt: Ein fremder Gast aus Frankfurt betritt die Gaststube und fragt in seinem Dialekt: „Kann man hier Rum krieche?“ Darauf kam die prompte Antwort von Werner  ebenfalls in seinem Dialekt: „Hier wird net erumgekroche, hier wird sich off die Bank gesetzt un en Schnaps getrunke„.
Werner machte seinen Gästen keine Striche auf die Bierdeckel um die Kontrolle zu behalten sondern er führte hinter der Theke eine Strichliste. Dabei kam es oft zu den komischsten und seltsamsten Bezeichnungen für die Gäste.  Er nannte sie z.B. Mann mit blauem Hemd, Opa mit roter Nase oder Frau mit Blümchenkleid usw. Kannte er seine Gäste, so schrieb er deren Namen auf. Es blieb nicht aus, dass die Striche verwechselt wurden und zur Klärung, wer was und wie viel getrunken hatte gab es auch schon mal eine längere Debatte.
Am Stammtisch gab es hin und wieder Abende an denen Bier-Runden ausgegeben wurden. Bei diesen Anlässen kam Werner meist mit seiner Strichliste nicht mehr mit. Einmal hatte er einem Freund fast alle Runden aufgeschrieben. Als dieser sich beschwerte, bekam er zur Antwort: „Dich habe ich am besten gekannt und auch für den Zahlungskräftigsten gehalten.
Waren einmal nicht so viele Gäste anwesend, so war Werner gerne bereit, beim Skat oder Doppelkopf mitzuspielen, Dann musste Schwester Anneliese, die sehr gerne früh schlafen ging, ebenfalls aufbleiben und den Thekendienst übernehmen.
Oft wurden auch an drei und mehr Tischen Karten gekloppt. Viele schöne Stunden haben wir hier beim Knobeln und Kartenspielen mit Jung und Alt verbracht.
Am 24. Februar 1975 saß wie immer eine große Gesellschaft junger Männer am Stammtisch. Im Nebenhaus hatte der Metzgermeister Herbert Ludwig Geburtstag. „Kommt wir bringen dem Herbert ein Ständchen, der soll einen ausgeben.“ Gesagt und auch schnell getan. Der Metzger war hoch erfreut über den Gesang, gab Brot und Presskopf zum Verzehr mit.

Werner hinter der Theke

 

Anneliese beim Bier zapfen

Es wurde ein richtiges kleines Fest mit Presskopf und Apfelwein. Ob schon an diesem Abend oder kurze Zeit später wurde ausgemacht, wir fahren nach Wetzlar zum Hessentag und machen beim Umzug mit. Damit waren die „Presskopp-Singers“ aus der Taufe gehoben. Bauer Dieter Busch stellte einen Wagen mit Traktor zur Verfügung, Küfermeister Kurt Reiter ein großes Apfelweinfass und fertigte zur Zier noch ein kleines Fässchen. Alle anderen Burschen halfen beim Aufbau und Schmücken des Wagens. Seit dieser Zeit nehmen die „Presskopp-Singers“ jedes Jahr am Umzug des Hessentages teil und werben für Presskopf und Apfelwein aus Brandoberndorf. Die Gaststätte „Zum grünen Baum“ oder einfach „Ringelsteins“ blieb das Stammlokal der Presskopps. Auch ihr Wirt Werner beteiligte sich mit viel Spaß an den Aktivitäten.

Die Jahre gingen dahin und Anneliese wurde krank. Sie starb am 24. September 1986. Ihr Bruder ein halbes Jahr später am 1. April 1987 abends am Stammtisch in der Wirtsstube. Beide hinterließen keine direkten Erben; Haus und Gastwirtschaft wurden verkauft.

Heute betreibt ein Gastwirt  dort ein Speiserestaurant unter dem Namen „Da Vinci“.

Die Presskopp-Singers und ihr Motivwagen

Chronologische Aufzählung der Besitzer und Bewohner
der Gaststätte „Zum grünen Baum“ (Ringelstoas)
Johann Peter Bauer                                  geb. 31. 01.1779            gest. 05.11.1827
Elisabeth Schmidt                                    geb. 26.12.1773             gest. 31.12.1824

Eheschließung am 21.10.1800

Anna Kath. Fischer verw. Bauer           geb. am 24.04.1800       gest. 16.02.1876

Eheschließung mit Johann Peter Bauer am 15.04.1825

Carl Benedikt Ringelstein                       geb. 20.08.1788             gest. 04.01.1862

Eheschließung mit Anna Kath. Fischer verw. Bauer am 26.05.1835

Carl Conrad Ringelstein                          geb.  11.08.1835            gest. 17.11.1835

Kath. Wilhelmine Ringelstein                geb.  15.09.1836            gest. 01.04.1838

Marie Luise Ringelstein                          geb.  12.11.1837            gest. 06.01.1838

Anna Marie Ringelstein                          geb.  28.07.1839            gest. 19.08.1911

Marie Katharine Ringelstein                  geb.  29.07.1839            gest. 29.07.1829

Anna M. (Jettchen) Ringelstein            geb.  22.02.1841            gest. 12.12.1842

Marie Katharina Ringelstein                  geb.  12.12.1842            gest. 12.12.1842

Johannes Ringelstein                              geb.  12.12.1842            gest. 12.12.1842

Johannes Emrich                                      geb.  06.10.1834            gest. 14.02.1876

Eheschließung mit Anna Marie Ringelstein am 14.02.1860

Carl Philipp Emrich                                   geb.  12.11.1860            gest. 04.10.1948

Louise Stahl                                              geb.  13.08.1865            gest. 30.09.1940
Eheschließung am 24.04.1884

Auguste Emrich                                       geb.  29.08.1884            gest. in Frankfurt/M.

Lina Louise Emrich                                  geb.  01.03.1890            gest. 18.09.1973

Albert Schmidt                                         geb.  08.04.1888            gest. 03.04.1930

Eheschließung am 15.06.1919

Werner Schmidt                                       geb.  18.04.1920            gest. 01.04.1987

Anneliese Schmidt                                  geb.  06.11.1922            gest. 24.09.1986