Von Wolfgang Radermacher

Die Ursachen der Landgängerei Anfang des 19. Jahrhunderts, aus der sich innerhalb weniger Jahrzehnte ein fast bodenständiges Hausiererwesen entwickelte, lagen im sozialen Bereich und hießen Hunger und Überbevölkerung.

Etwa bis 1800 blieb die Zahl der Bevölkerung in unseren Dörfern infolge von Hungersnöten, Kriegen, Seuchen und Heiratsbeschränkungen durch die Obrigkeit (Fürsten usw.) fast konstant. Nach 1800 nahm die Bevölkerung aufgrund beginnender Seuchenbekämpfung, verbesserter hygienischer Zustände und effizienteren Anbaumethoden in der Landwirtschaft zu. So stieg die Einwohnerzahl in Weiperfelden von 111 im Jahre 1800 auf 192 Einwohner im Jahre 1846 an. In Hasselborn und Brandoberndorf war die Tendenz ähnlich. (Hasselborn von 106 auf 171, Brandoberndorf von 590 auf 732). Diese Menschen mussten alle ernährt werden – war es schon vorher knapp gewesen, so reichte es jetzt trotz verbesserte Anbaumethoden kaum aus. Der schlechte Boden und das raue Klima ließen nur sehr bedingt Ertragssteigerungen zu. 1817 und 1818 war die Ernte so schlecht, dass man noch heute von „Hungerjahren“ spricht. Auch das fast vollständige Fehlen von industriellen Arbeitsplätzen trug das Seine zu der allgemeinen Misere bei. Schließlich hatte damals fast jede Familie 6 oder mehr Kinder, auch sie wollten alle essen.

Am schlimmsten war unsere Nachbargemeinde Espa betroffen. Dieses Dorf hatte kein Allmendland und keinen eigenen Waldbesitz, obgleich es ringsum von Wäldern umgeben war. Gemeinde und Bürger waren hoch verschuldet. die Gemarkung klein und der Boden schlecht. Er gehörte zum größten Teil dem Fiskus, der sein Land bis 1813 als geschlossenen Hof (Kleehof) bewirtschaften lies, schrieb damals 1898 Pfarrer Plenge. So musste sich die ländliche Bevölkerung ein anderes Auskommen suchen. Einige versuchten in der Wetterau als Tagelöhner ein bisschen Geld zu verdienen, andere hatten einen kleinen Handel mit selbstgefertigten Besen aus Ginster. Die Restlichen fanden Zubrot als Wald- oder Bergarbeiter, aber das reichte nicht für alle. Aus ihrer bitteren Armut heraus wurden sie kreativ. Sie nutzten die langen Winterabende zum Schnitzen und Basteln. Entstanden sind so Kunsthandwerke besonderer Art. In dieser Zeit wurde auch der Fliegenwedel geboren, der im Zuge der Hessischen Landgängerei in die Geschichte eingegangen ist.

Von Alters her wurden in Espa, Weiperfelden, Bodenrod und Brandoberndorf Besen und Körbe aus Birkenzweigen und Ginster gemacht und zum Verkauf in die Wetterau bis nach Frankfurt getragen. Viele Dörfer folgten nun dem Espaer Beispiel. Innerhalb von kaum 10 Jahren lernten Einwohner aus Weiperfelden, Brandoberndorf, Cleeberg, Hasselborn, usw. das Fliegenwedelgeschäft in England. Diese Landgängerei verbreitete sich vom Taunus und dem Vogelsberg über den gesamten Westerwald. Die Ursachen sind immer wieder die gleichen, die sozialen Gegebenheiten, das raue Klima, sowie die zum Teil ertragsarmen Böden. Um 1843 – 1844 kam auch das Wandermusikantentum auf. Hieraus entwickelte sich dann langsam der berühmt-berüchtigte Mädchenhandel, der erst Ende der 60er Jahre sein Ende fand. Sogenannte „Landgänger oder Landgeher“, Wanderer, die ins Ausland gingen, engagierten für 60 Gulden jährlich junge Mädchen, die vor den Arbeitern im Ausland tanzen mussten. In Amerika wurden sie später „Hurdy-Gurdy-Girls“ genannt. In Deutschland hatten sie den Namen „Besenmädchen“, weil sie gewöhnlich auch kleine Besen zum Verkauf anboten. Manche Eltern gaben den Landgängern sogar ihre Kindern mit. Von diesem Problem erfuhr auch der Cleeberger Pfarrer Schellenberg. In seinen Aufzeichnungen hielt er fest, dass 1843 insgesamt 31 Jugendliche im Ausland waren, hiervon stammten acht Jungen und sechs Mädchen aus Cleeberg, die übrigen aus Espa und Weiperfelden. Ein Jahr später war diese Zahl schon auf 34 und 1846 gar auf 40 gestiegen.

Von dem Los vieler Besenmädchen erfuhr die Öffentlichkeit durch einen Artikel im englischen Blatt „Morning Chronic“ vom 6. Januar 1844. Dort wurde unter der Überschrift  „German Slaves“ auf ein junges Mädchen namens Elisabeth Anders aus Frankfurt am Main hingewiesen. Das Mädchen war durch einen Vertrag seinem Dienstherren, einem Deutschen namens Gerlach verdingt. Sie musste mit einer Drehorgel durch die Stadt ziehen und dazu singen. Das verdiente Geld hatte sie abzuliefern. Auf diese Zustände war die Presse aufmerksam geworden, weil das Mädchen seinen Dienstherren wegen übler Behandlung bei der Polizei anzeigt hatte. Pfarrer Schellenberg schickte diesen Artikel an das Frankfurter Konversationsblatt und an die Augsburger Allgemeine Zeitung zur weiteren Veröffentlichung, was auch geschah. Die Nachforschungen nach einer Elisabeth Anders in Frankfurt waren jedoch vergeblich. Eine Erklärung von Pfarrer Schellenberg in der Frankfurter „Ober-Volksamtszeitung Nr. 30“ vom 30. Januar 1844 schließlich bestätigt, dass besagte Elisabeth Anders mit der am 14. Juli 1827 in Cleeberg geborenen Elisabeth Enders identisch war. Pfarrer Schellenberg setzte sich weiter gegen diese Art Menschenhandel ein und versuchte die Leuten in Weiperfelden, Espa und Cleeberg zu überreden, in der Heimat zu bleiben und nicht in die Fremde zu ziehen.

Im Jahre 1845 wurde in den Verhandlungen des Landes und Deputiertenversammlung des Herzogtums Nassau die Aufmerksamkeit ebenfalls auf die Landgängerei nassauischer Untertanen namentlich aus Cleeberg, Espa und Weiperfelden nach England gelenkt. Auch die Kirche wurde auf das Problem aufmerksam. Am 21. Januar 1846 wurde Pfarrer Schellenberg von Dekan Senfft von Usingen verständigt, dass der Neigung  – ohne besonderes Gewerbe – in der Welt herumzuziehen, unbedingt entgegengewirkt werden müsse. Die Staatsregierung hatte ebenfalls ihre Unterstützung zugesagt. Durch alle Bemühungen von Pfarrer Schellenberg in der Landgängerfrage verschlechterte sich seine Lage insbesondere in Cleeberg immer mehr. Man warf ihm „Nestbeschmutzung“ vor. Dies vor allem, da einige Ortsbürger selbst als Landgänger zu Geld gekommen waren oder aus der Landgängerei finanzielle Vorteile zogen. Pfarrer Schellenberg wurde schließlich, wie es hieß, 1847 „hohnlächelnd“ in das Irrenhaus überwiesen. Aber bereits im Juni 1848 wurde er von den Ärzten für gesund erklärt und übernahm wieder sein Amt.

Obwohl man immer wieder hört, „in Weiperfelden sei es nicht so schlimm gewesen“, kam auch hier das Phänomen der Landgängerei auf. So schrieb der damalige Lehrer Schneider in die Schulchronik: „Dieselben reisten am 12. Mai 1890 nach Amerika und wurden 1892 wieder in die Schule aufgenommen“. Lehrer Hohl vermerkte 1855: „Bei der Frühjahrsprüfung hatte die Weiperfelder Schule 29 Kinder, von denen im Laufe des Sommerhalbjahres drei Kinder mit ihren Eltern nach England reisten. Im November wurden sie wieder eingeschult“. Und das kam oft vor. Im Schülerverzeichnis hieß es dann zum Beispiel „Hat in England die Schule besucht und ist sehr weit zurück, wurde nicht versetzt“. Die Kinder waren wie so oft die Leidtragenden. Sie kamen aus der Schule und konnten kaum lesen und schreiben. Bei der Beurteilung der Landgängerei hielten die Lehrer sich mit ihren Äußerungen zurück. Es waren alles junge Lehrer, die in diesen kleinen Dörfern ihr erstes Lehramt hatten. Anders dagegen verhielten sich die Pfarrer, wie das Baispiel des Pfarrer Schellenberg zeigte. 1850 wurden Espa und Weiperfelden zu einer Pfarrgemeinde zusammen gefasst. 1860 übernahm Pfarrvikar Schupp die Seelsorge in diesen beiden Dörfer. Auch Schupp nahm sich der Sache Landgängerei an. Mit seinem Buch „Hurdy-Gurdy“ wurde er sogar als Schriftsteller bekannt. Darin schildert er die Geschichte eines Landgängerdorfes. Er versuchte dieses Übel an der Wurzel zu packen. Schließlich gelang es ihm bei der Obrigkeit durchzusetzen, dass Äcker und Wiesen der bisher an einem Pächter vergebenen Domäne (Kleehof) gegen niedrige Pacht unter die Dorfbewohner aus Espa verteilt wurden. Schon vorher war 1824 die „Hochweiseler Mark“ aufgeteilt worden, davon bekam Weiperfelden 451 Morgen Wald zugeteilt und musste bis 1448 dafür 34.403 Gulden bezahlen. Warum Espa seinerzeit leer aus ging, konnte nicht geklärt werden. Auch Cleeberg bekam seinen Anteil. Damit ging es nun aufwärts. Als damals um 1850 überall die Eisenbahnstrecken gebaut wurden, wurde Brandoberndorf eine reiche Gemeinde. Mit ihren großen Eichenbeständen konnten sie große Mengen an Eisenbahnschwellen liefern und vielen Menschen Brot und Arbeit geben. Man finanzierte 1866 sogar die Solmsbachtalstrasse zwischen Brandoberndorf, Weiperfelden und Espa mit. Auch in Butzbach siedelte sich um diese Zeit Industrie an, wo viele aus unseren Dörfern Arbeit fanden. 1860 wurde in der Grube Silbersegen oberhalb von Weiperfelden wieder gearbeitet, aber nicht lange, dann wurde die Arbeit wieder eingestellt. Damit war schließlich die größte Not war vorbei. Gleichwohl ging trotz Verbots der nassauischen Landesregierung und ab 1866 auch der preußisch-königlichen Regierung die Hausiererei weiter. Viele störten sich nicht an diesem Verbot. Erst Ende des 19. Jahrhunderts hörte diese Landgängerei ganz auf.

Zu erwähnen wäre auch noch die Auswanderung. Von 1862 bis 1890 wanderten elf Familien aus Weiperfelden nach Amerika aus. Die Einwohnerzahl fiel dadurch von 172 im Jahre 1860 auf 90 Einwohner im Jahre 1895, In Hasselborn sank sie von 127 auf 100 Einwohner. In Brandoberndorf blieb die Einwohnerzahl immerhin konstant auf 2.660 Einwohnern 1890.

Soweit ein kurzer Rückblick über die Zeit von 1800 bis 1890. Noch heute wollen viele Einwohner von Cleeberg, Hasselborn, Brandoberndorf und auch Weiperfelden diesen Teil ihrer Geschichte nicht wahrhaben. Einzig in Espa steht man dazu

 

Quellenangaben:

Hans-Günter Lerch: „Das Manische in Gießen“, Seite 62 u. 63.

Mark Newiger: Kampf eines Cleeberger Pfarrers gegen Menschenhandel. In: Butzbacher Geschichtsblätter Nr. 88, 6. Oktober 1993, Seite 157 – 158.

Dieter Wolf: Ausschnitt aus dem Katalog „Hurdy-Gurdy-Girls – von Espa in die ganze Welt“, herausgegeben von Holde Stubenrauch im Jahre 1992

Auszug aus „Westerwälder Hausierer und Landgänger“. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Bd. 78, Leipzig 1898.

Buch Espa – Geschichte und Bilder eines Dorfes im oberen Kleebachtal – Seite 27 bis 31.

Weiperfelder Schulchronik von 1820 bis 1911.

Weiperfelder-Schülerverzeichnis-Fortschrittsbuch von 1862 bis 1904.