von H. Serowy

Der Name der Gemeinde „Brandoberndorf“ geht auf die Bezeichnung „Oberndorf“ zurück. Es wird vermutet, dass die Weiterentwicklung des Namens auf den großen Brand von 1543 – bei dem das Dorf bis auf wenige Häuser durch die Feuersbrunst vernichtet wurde – zurückzuführen ist. Allerdings findet man in amtlichen Papieren auch noch Jahrzehnte nach diesem Brand noch den Begriff  „Oberndorf“.

 Das Dorf wird bereits im 8. Jahrhundert bestanden haben. Der Frühgeschichtsforscher Vogel berichtet in seiner „Nassauischen Ortsgeschichte“, dass „der Priester Randolf vom Kloster Lorsch in Oberendorph, juxta Cleeberg, in der Cleeheimer marca im Jahre 768 ein Kirchlein erbaute„.

Die Geschichte von Brandoberndorf ist eng mit der Geschichte der Cleeberger Grafschaft verbunden, die erstmals um 1040 erwähnt wird. Nach dem Aussterben des Mannesstammes wurde diese Grafschaft ab 1258 durch eine Erbengemeinschaft – die „Ganerben“ – verwaltet. Durch mehrfache Teilungen verblieben im vormals erheblich größeren „Cleeberger Amt“ nur noch die Gemeinden Cleeberg, Oberkleen, Ebersgöns und Brandoberndorf. Die Besitzverhältnisse wechselten in den folgenden Jahrhunderten immer wieder. Hauptteilhaber des Gebietes waren die Herren von Isenburg-Büdingen, Nassau-Weilburg, Leiningen-Westerburg und Solms-Lich. Nachdem 1648 Hessen-Darmstadt den Anteil von Isenburg-Büdingen übernahm, teilte sich das Amt auf in 2/3 Hessen-Darmstadt, 1/6 Nassau-Weilburg und 1/6 Westerburg. Durch den „Reichsdeputationshauptschluß“ im Jahre 1803 wurde die Herrschaft Cleeberg aufgelöst. Brandoberndorf kam zu Nassau-Usingen, das anschließend mit Nassau-Weilburg zum Herzogtum Nassau vereinigt wurde. Dieses wiederum fiel 1866 an Preußen. Erst durch die Verwaltungsreform vom 1.10.1932 wurde Brandoberndorf aus dem Kreis Usingen in den Kreis Wetzlar übernommen, der seinerseits aus der Rheinprovinz kommend dem Regierungsbezirk Wiesbaden untergeordnet wurde.

Die Verwaltung des Cleeberger Amtes erfolgte nach dem Aussterben der Cleeberger Grafen durch Beamte (Amtmänner) der einzelnen „Ganerben“. Als Hauptverantwortlicher wurde ein „Baumeister“ eingesetzt, der abwechselnd von den Mitbesitzern gestellt wurde. Von den Herrschaften in den einzelnen Orten eingesetzte „Schultheiße“ fungierten als Mittelspersonen zwischen ihnen und den Dorfbewohnern. Diese wählten als ihre Vertreter jeweils drei Bürgermeister – einen als Vertreter der „Jungen“, einen als Vertreter der „Mittleren“ und einen als Vertreter der „Alten“. Sie hatten unter anderem dafür zu sorgen, dass die Wache der Cleeberger Burg im Gange blieb und die Bauern zu Frondiensten nach Cleeberg zu beordern. Diese hatten die Äcker der Herrschaften zu bestellen, Briefe zu befördern, Gespanne zu stellen, Jagdbeute zu den Stammschlössern der Herrschaften zu tragen oder zu fahren.

 „Etzliche gut gewappnede Mann mit Harnisch, Spießen und anderem guth Gezeug“ sorgten für die Sicherheit des Ländchens. Nach dem Verfall des Rittertums lag der Schutz des Amtes in den Händen eines „Ausschusses“, einer kleiner Truppe von etwa 100 bewaffneten Dorfbewohnern, die im Bedarfsfalle zusammengerufen wurden. Zu ihrer Pflicht gehörte auch die Schloßwache in Cleeberg. Ihre Dienstzeit dauerte drei Jahre.

Recht und Gerechtigkeit wurden von einem eigenen Gericht mit eigenen Gesetzen ausgeübt. An mindestens drei Gerichtstagen kamen zwölf Schöffen unter Vorsitz des Gerichtsschultheißen nebst einem Gerichtsschreiber im Cleeberger Rathaus zusammen, um über Tausch, Frevel, Unsittlichkeit, Verspottung der göttlichen Majestät, Totschlag, Mord und Hexerei zu verhandeln. Die Strafen waren gestaffelt in „schlechte Buß“, „Frevelbuß“, „höchste Buß“ und bei peinlichen Gerichten in schwere und schwerste Leibesstrafe (bis hin zur Todesstrafe).

 Neben dem Gericht – das ein Volksgericht war, an dem die Vertreter der Herrschaften nur als Beobachter teilnahmen – gab es im Cleeberger Amt auch noch die „Oberamtstage“. Bei diesen Versammlungen stand die Gesamtverwaltung des Amtes und die Interessen der Herrschaften im Mittelpunkt. Sie begannen jährlich am ersten Dienstag nach „Trinitatis“ (erster Sonntag nach Pfingsten). Die Sitzungen wurden eröffnet mit der Verlesung des ältesten Cleeberger „Burgfrieden“ und der im Laufe der Zeit erfolgten Änderungen, die sich mit den Rechten und Pflichten der Ganerben, der Verwaltung des Cleeberger Landes und dem Unterhalt des Schlosses beschäftigten. Hier wurde über das geistige und christliche Wohl der Untertanen verhandelt, über Grenzstreitigkeiten, Frevel, Verbrechen, Bittschriften, die Steuern für die Verwaltung und den Unterhalt des Schlosses.

 Vielfältige Abgaben belasteten die Dorfbewohner neben Fron- und Wehrdienst. Neben den Steuern für die Güter waren weitere Abgaben für Braukessel, Mühlen, die Häute geschlachteter Tiere („Schleyschatz“), Hundszehnter, Tabaksteuer, Salzsteuer, Wagengeld, Rauchhafer (ruhte auf den Schornsteinen) zu leisten. Das „Besthaupt“ (das beste Stück Vieh im Stall) war abzugeben, wenn der Bauer verstarb. Und mit oftmals viel Unwillen war der Pfarrzehnte abzuführen und der Schulmeister zu bezahlen. Des öfteren sorgten solche Abgaben für offenen Widerstand unter der Bevölkerung.

Zusätzlich zogen immer wieder Kriegsvölker durch die Gegend, die plünderten und hohe Kontributionen forderten, sich einquartierten und verpflegen ließen und Spanndienste verlangten. Harte Zeiten hatte unsere Gegend besonders während der Koalitionskriege zwischen 1792 – 1800 unter den französischen Truppen zu erdulden. Diese richteten hier ein Lazarett ein, und manche Höfe hatten zeitweise 25-30 Mann einquartiert (manche Bauern errichteten daher in ihrem Hof einen Anbau – der untere Teil als Pferdestall, der obere als Mannschaftsstube, die „Franzosenhäuser“). Neben vielen Lasten hatte die Gemeinde im Jahre 1797 Kriegskosten in Höhe von 17.000 Gulden zu zahlen, für die alte Eichenbestände im „Weidenhain“ geschlagen wurden. Der Cleeberger Amtmann schrieb: „Die Dörfer Brandoberndorf und Cleeberg sind fast sieben Jahre ohne Unterlass mit namenlosen Lasten gequält worden. Die Untertanen sind der Verzweiflung nahe. Der Jammer und die Not sind unaussprechlich„. Als die Franzosen schließlich am 17.12.1797 abzogen, läuteten die Brandoberndorfer aus Dankbarkeit die Glocken – das noch heute übliche 11-Uhr-Läuten.

1813 lagerten russische Truppen – die sich auf dem Marsch nach Frankreich befanden – im Dorf. Da sie die Bewohner dieser Gegend als Franzosenfreunde ansahen, gingen auch sie ruppig mit der Bevölkerung um. Auch ihr Abzug wurde mit dankbarem Glockenläuten – dem heutigen 10-Uhr-Läuten – begleitet.

Über Jahrhunderte war der Wald Lebensgrundlage des Dorfes. Er lieferte Brenn- und Bauholz und wurde als Waldweide genutzt. Schmiede und Waldschmitten benötigten Holzkohle. Kriegskontributionen konnten durch Eicheneinschlag abgezahlt werden. Eichenlohe war ein wichtiger Grund für die Ansiedlung der Gerbereien. Die Einnahmen durch den Wald ermöglichten es, dass die Brandoberndorfer bis zum Jahre 1930 keine Gemeindesteuern zu zahlen brauchten. Bis 1916 erhielt jeder Bürger sogar noch 2 Raummeter Holz gratis und 10,00 RM zusätzlich ausgezahlt.

 In den frühen Jahren hatte jeder Dorfbewohner seinen eigenen Waldbesitz. Erst nach einer großen Pest im Jahre 1550, als die Bevölkerung bis auf 47 Mann zusammengestorben war, legten die Bürger ihre privaten Waldbesitzungen zu einem „Gemeinswald“ zusammen. Sie vereinbarten, dass Fremde, die in die Gemeinde zuzogen, ein bestimmtes Vermögen haben mussten und ein Zuzugsgeld in die Gemeindekasse zu zahlen hatten, damit sie diesen „Gemeinswald“ mitbenutzen durften. Zwar wurde im Jahre 1665 die Waldbesitzung wieder auf die Bewohner aufgeteilt, 1705 aber endgültig als Gemeindewald zusammengelegt. Und bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde das Zuzugsgeld beibehalten.
Erwähnenswert im Zusammenhang mit dem Brandoberndorfer Wald ist sicherlich noch der Hinweis, dass hier der letzte nassauische Wolf geschossen wurde. Die Chronik berichtet: „Am 23. September 1841 schoß der Jäger Konrad Schmidt zu Hasselborn am sogenannten „Dreiherrnstein“ im Brandoberndorfer Wald den letzten Wolf im Nassauer Land. Das Tier war ganz ausgehungert, wog aber immer noch 73 Pfund und maß über dem Rücken 5 Fuß 4 Zoll Waldmaß. Die herzogliche Regierung zu Biebrich gratulierte dem glücklichen Waidmann und schenkte ihm 15 Gulden Schußgeld. Mit diesem machte er seiner Jagdgesellschaft einen frohen Tag.

Viele Grenzstreitigkeiten und Prozesse hatten die Brandoberndorfer wegen ihres Waldbesitzes auszufechten. Den erbittertsten Kampf lieferten sie sich mit der Hochweiseler Markgemeinschaft um die „Streitheck“. Fast 200 Jahre – von 1590 – 1778 – dauerte dieser Streit. Nachdem ein kaiserliches Edikt aus dem Jahre 1592 den Fortgang des Prozesses nicht verhindern konnte, mussten sich sogar die Reichskammergerichte in Speyer und später in Wetzlar mit der Sache befassen, bis es zu einem Vergleich kam.

In einen hundertjährigen Kirchenstreit wurden die Brandoberndorfer durch ihre Cleeberger Herrschaften hineingezogen. 1532 hatten die Isenburger die Reformation im Cleeberger Amt eingeführt. Im Verlaufe der folgenden Jahrzehnte zeigte sich aber, dass die Mitbesitzer sich innerhalb des evangelischen Glaubens in zwei verschiedene Richtungen – die Lutheraner und die Reformierten – orientierten. Jeder wollte den Gemeinden seinen Glauben aufzwingen und hetzte die Bürger gegen die jeweils amtierenden Pfarrer auf. Erst unter dem 1662 eingeführten Pfarrer Medicus ebbten die Streitigkeiten allmählich ab.
 Bedingt durch diesen Glaubensstreit führten die Herrschaften von Isenburg-Büdingen im Jahre 1600 die Kirchenvisitation ein. Jährlich prüfte eine Kommission die Gemeinde, befragte die Kinder nach dem Katechismus und erkundigte sich nach dem Verhalten des Pfarrers. Aus der Katechismus-Unterweisung entwickelte sich zu dieser Zeit auch das Schulwesen im Dorfe, das allerdings noch einige Jahrzehnte benötigte, um sich in einen geordneten Unterricht heutiger Vorstellung zu entwickeln.