Was ist ein virtuelles Heimatmuseum?

Nachdem sich aus dem Arbeitskreis Dorferneuerung heraus ein paar Mitstreiter gefunden haben, nimmt das Projekt langsam Formen an.

Ziele des virtuellen Heimatmuseums

Da es in der Gemeinde Waldsolms leider weder geeignete Räumlichkeiten noch die notwendigen Mittel gibt, ein „richtiges“ Heimatmuseum aufzubauen, entstand die Idee, dieses Museum im Internet zu gestalten, sodass interessante Dinge für jedermann präsentiert werden können und gleichzeitig bei ihren Eigentümern verbleiben.
Bei den Treffen der Arbeitsgruppe (und auch nach direkter Vereinbarung mit den Ausführenden) werden die Objekte und – soweit möglich – Geschichten, die im Zusammenhang mit dem Gegenstand und Waldsolms stehen, zusammengetragen, fotografiert und in eine Datenbank aufgenommen. Die Auswahl der Objekte ist durchaus subjektiv, aufgenommen wird in erster Linie was schon ein bisschen älter ist oder eine gewisse ortsgeschichtliche Bedeutung hat. Zur Zeit befindet sich die Sammlung im Aufbau. Das bedeutet, es sind erstmal „nur“ die Inventarkarten zu sehen. Gleichzeitig werden Informationen über die Ortsgeschichte zusammengetragen und in kleinen Beiträge editiert. Schließlich und endlich werden Fotos und Hausgeschichten historisch bedeutsamer Häuser und Höfe aufgenommen. Im Laufe der Zeit wird dann der Versuch unternommen, aus allen drei Bereichen „Ausstellungen“ zusammen zu stellen.

Möglicherweise ergibt sich auch einmal die eine oder andere Gelegenheit, bestimmte Objekte zu besonderen Anlässen in der Realität zu zeigen und auszustellen.

 

 

Ein Museum erobert das Wohnzimmer

– Ein Feature –                                           von Marieluise Semmlinger

Prallgefüllte Euter lassen die Rindviecher breitbeinig im Stall sich die Kehle aus dem Hals brüllen – sie wollen gemolken werden. Jedoch der Bauer hört nichts. Gebannt betrachtet er die reich verzierte, in Fraktur gedruckte Bibel aus dem Jahr 1635, diese lässt ihn alles um sich herum vergessen.

Es war so einfach, ein Mausklick und schon war er „drin“. Ein Hoch auf die Spitzentechnologie, die bis vor kurzem noch vor den Toren eines hessischen Dorfes in Waldsolms, mitleidig belächelt, auf ihren Einlass wartete. Bis eines Tages ein beherzter junger Mann in fröhlicher Stammtischrunde die Idee verkündete: „Kultur muss her.“ Skepsis hier, Unverständnis dort. „Kultur haben wir den ganzen Tag – Rüben, Acker, Wald und Wiesen.“
„Ich meine, Kultur in Form eines Museums, präziser: Eines virtuellen Museums. Mit einer Digitalkamera nehmen wir Antiquitäten auf, archivieren sie und bringen sie ins Internet.“
Allgemeine Begeisterung. Das 2000 Seelen Dorf aus Waldsolms erwachte aus seinem Schlaf. Eifrig durchstöberte man die Speicher, schleppte Töpfe, Pfannen, kunstvoll bemalte Schüsseln, alte Bücher und handschriftlich verfasste Urkunden, deren verblasste Schrift sich nur unmerklich vom vergilbten Hintergrund abhob, zum Fototermin. Kostbare antiquarische Schätze, die seit Generationen den Spinnen, Asseln und anderem Kleingetier ihren Lebensraum gaben. Da erblickten Puppen mit detailgenauer Nachbildung der damaligen Festtagstrachten aus längst vergessenen Tagen, mit denen die Ururgrossmütter als Zehnjährige gespielt hatten, wieder das Tageslicht. Oder der wurmstichige, mit Handschnitzereien verzierte Kleiderschrank von 1790, der heute noch seinen festen Platz im Schlafzimmer hat. All diese Kostbarkeiten, abgestaubt und geputzt, erstrahlten in neuem Glanz auf den Monitoren. Selbst das Schaukelpferd, welches zwei Weltkriege überlebte, jedoch dabei ein Bein verlor, wurde per Computer restauriert – seine Verletzungen sind ihm nicht mehr anzusehen.

Das virtuelle Heimatmuseum von Waldsolms – Tag und Nacht unter der Adresse www.Heimatmuseum-Waldsolms.de zu ersurfen, war geboren und hat nicht nur die Neugier im engsten Umkreis geweckt, sondern findet weit über die Grenzen von Hessen seine Besucher. Der Bürgermeister der Gemeinde belohnte die aktiven „Speicherarchäologen“ mit einem Raum im längst ausgedienten Bundeswehrdepot. So können manche historische Raritäten dreidimensional betrachtet werden. Da soll noch einmal irgendwer behaupten, am Stammtisch fließe nur Bier – nein, auch fantastische Ideen erblicken hier hin und wieder das Licht der Welt. Trotz leerer Kassen wurde in einer kleinen Gemeinde mit geringen Geldmitteln ein großes Museum geschaffen.